1. Wie unsere Wahrnehmung täuscht 14%

1.1 Optische Täuschungen

„Optische Täuschung“ bedeutet: Manchmal sehen wir das, was wir (sehen) wollen.
Diese Zeichnung hier ist ein sogenannte Kippbild und vermutlich das erste und älteste seiner Art: Je nach Betrachtungsweise zeigt es unterschiedliche Objekte.

Ohrschmuck oder linkes Auge?
Wangenknochen oder Nasenflügel?

Der Grafiker gab eine „Umschalt“-Hilfe:
Das Halsband ist der Mund der alten Dame.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:My_Wife_and_My_Mother-in-Law.jpg

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Das Geheimnis der Doppelbilder
Dieses Doppelbild – es zeigt eine sogenannte Kippfigur – schuf der Künstler William Ely Hill, ein US-amerikanischer Illustrator (1887 bis 1962). Seine Zeichnung entstand 1915; sie ist weltbekannt und gilt seither als Prototyp der Kippfiguren.

Diese Kippbilder machen deutlich, dass wir in unserem Gehirn sozusagen hin- und herschalten zwischen zwei Bildaussagen, hier: zwischen junger und alter Frau. Dabei handelt es sich um Ordnungsmuster (=Schemata; Singular: Schema), die unser Gehirn zur Verarbeitung von Informationen erzeugt hat. Sie dienen zur Komplettierung neuer visueller Eindrücke (Bildskizzen), indem die neuen Informationen mit altem Vorwissen vervollständigt und verschmolzen werden. Das bedeutet hier: Wer noch nie eine ältere Frau mit dem für sie typischen Aussehen wahrgenommen und im Langzeitgedächtnis abgespeichert hat, wird sie in diesem Kippbild auch nicht entdecken. Dasselbe Erkennungsmuster gilt auch umgekehrt für Betrachter, die mit alten Menschen aufgewachsen sind: Die meisten werden die junge Dame nicht sofort wahrnehmen. Von daher spielt das mit dem Lebensalter verbundene Erfahrungswissen der Bildbetrachtenden eine Rolle. Beispielsweise ergab eine 2018 an der Flinders University in Australien durchgeführte Studie dies: je jünger die Betrachter, desto häufiger wurde „nur“ die junge Frau erkannt; je älter, desto häufiger das Gesicht der alten Frau (Quelle: https://www.countryliving.com/uk/wellbeing/a23352446/my-wife-mother-in-law-optical-illusion-psychology-explained/).

Wir lernen daraus:  Wenn wir eine Bildnachricht in einem Newsmedium sehen, vergleicht unser Gehirn dieses Bild wie automatisch mit früher abgespeicherten Bildelementen. Das bedeutet: Es „interpretiert“ das neue Bild mit Hilfe der im Langzeitgedächtnis abgelegten Schemata; es will das Alte im Neuen erkennen, vermutlich, weil damit mehr Handlungssicherheit verbunden ist. 

Literaturhinweis:

Michael Kerres: Mediendidaktik. Konzeption und Entwicklung digitaler Lernangebote. De Gruyter Oldenburg 2018 (5. Aufl.)

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